Rhetorik-Tipps

Redestrategien: Wie Sie mit rhetorischen Mitteln Situationen beeinflussen können

Bei einer guten Rede bleibt nichts dem Zufall überlassen – ganz im Gegenteil. Erfolgreiche und berühmte Redner beziehungsweise ihre Redenschreiber verfolgen stets eine gezielte Strategie.

Die Auswahl einer geeigneten Redestrategie hängt dabei ganz von Anlass, Inhalt und Zweck der Rede ab. Welches Ziel verfolgt der Redner? Welche Emotionen will er bei seinem Publikum auslösen? Will er die Zuhörer unterhalten, von etwas überzeugen, zu etwas überreden? Geht es um muntere Anekdoten im Zuge einer Festrede bei der Familienfeier, um einen Streikaufruf in einer Gewerkschaft oder um knallharte Politik?

Die eigene Rolle erkennen

Je nachdem, wer warum zu wem spricht und dabei welche Intentionen verfolgt, erscheinen unterschiedliche Redestrategien sinnvoll. Zunächst sollte sich der Redner daher zwei Aspekte verdeutlichen: Welche Botschaft habe ich? Und: Welche Rolle habe ich?

Ist das Publikum mir wohlgesonnen, bin ich einer aus ihrer Mitte oder gar ihr selbstgewählter Anführer? Bin ich vorgesetzte Respektsperson, der die anderen nur nach dem Mund reden, wenn es opportun erscheint? Oder handelt es sich bei den Zuhörern um Skeptiker, möglicherweise gar Gegner meiner Idee, die ich von meiner Sache überzeugen muss?

Die Ebene der gleichberechtigten Augenhöhe verlässt der Redner spätestens in dem Moment, in dem er die Bühne betritt und das Wort ergreift – er spricht, die anderen hören zu. Das verleiht ihm erst einmal eine Machtposition, ist aber auch mit einer gewissen Erwartungshaltung von Seiten des Publikums verbunden. Um nicht ausgebuht zu werden, sondern im Idealfall die Zuhörerschaft mitzureißen und euphorischen Applaus zu ernten, muss der Redner vor allem den richtigen Ton treffen – auch das zählt zu einer gelungenen Redestrategie.

Redestrategien, Der Ton macht die Musik, Zuhörer auf Augenhöhe begegnen

Es ist nicht leicht, eine Rede zu halten und den richtigen Ton zu treffen, wenn man nicht mehr auf Augenhöhe mit den Zuhörern spricht © Shutterstock

Die gewählte Stilistik muss zum gegebenen Anlass ebenso passen wie zum Publikum, aber auch zum Redner selbst, um glaubwürdig zu wirken. Zudem sollte die Rede einer klaren Struktur folgen. Eine schlüssige Gliederung in Einleitung, Hauptteil und Schluss unterstützt dabei, die Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen, zu behalten – und die Zuhörer auf das gewünschte Fazit hinzuführen.

Im Kopf bleibt eine knackige Kernbotschaft

Wie ein solch strukturierter Aufbau gelingen kann, lässt sich insbesondere bei geübten und professionellen Redenschreibern abschauen: Die Analyse von Gerichtsreden, aber auch politischen Reden liefert hierfür Paradebeispiele und kann Laien-Redner bei der Ausarbeitung ihres Vortrags auf geschickte rhetorische Finessen hinweisen, die den eigenen Standpunkt untermauern und das Publikum überzeugen.

Häufig sind es wenige Sätze oder Schlagworte, die von einer längeren Rede nachhaltig im Gedächtnis bleiben. Sie sollten bewusst gewählt und innerhalb der Rede an geeigneter Stelle platziert werden: Als Schlussakkord, als Bogen vom Einstieg zum Finale oder in Form einer mehrfach wortgleich aufgegriffenen Wiederholung.

Der damalige US-Präsident John F. Kennedy untermauerte seine Durchhalterede an die Bürger Westberlins mit seinem auf Deutsch vorgetragenen Satz „Ich bin ein Berliner“ – seine gesamte Botschaft, die er in seinem Vortrag transportieren wollte, kulminiert in diesem Satz. Auch ohne den Rest seiner Rede zu kennen, lässt sich die Kernaussage des Präsidenten aus diesem einen Satz herauslesen: die Unterstützungsbereitschaft der Amerikaner gegenüber Westberlin über die Versorgung per Luftbrücke, aber auch die klare Kampfansage gegenüber dem sowjetischen Gegner, der die isolierte Stadt mürbe machen wollte, steckt in diesen wenigen Worten.

Auch der Menschenrechtsaktivist Martin Luther King begeisterte seine Zuhörer mit seiner simplen Formel „I have a dream“, unter der er seine Vorstellung einer gleichberechtigten Gesellschaft skizzierte, während in seiner Lebensrealität in den Vereinigten Staaten der 1960er Jahre Rassentrennung und Ungleichbehandlung nach Hautfarbe an der Tagesordnung waren.

In der jüngeren Geschichte sind vor allem die Ruck-Rede des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog oder auch der stetig wiederholte Wahlkampfslogan „Yes, we can“, mit dem Barack Obama 2008 ins Weiße Haus einzog, vielen Zuhörern und Zeitzeugen im Gedächtnis geblieben.

Die Kehrseite der Medaille: Redestrategien im nationalsozialistischen Propagandaapparat

Dass kluge Redestrategien und der gezielte Einsatz von Rhetorik auch auf furchtbare Weise Wirkung entfalten können, zeigt sich im Beispiel der Sportpalastrede. Auf dem Höhepunkt der Ära des Nationalsozialismus hielt der Propagandaminister Joseph Goebbels seine wohl berühmt-berüchtigtste Rede, die in tosendem Beifall auf die Frage nach der Bereitschaft zum „totalen Krieg“ gipfelte.

Um die Stimmung derartig aufzuwiegeln, sind Dramatisierungen und Zuspitzungen unvermeidlich. Auch die Identifizierung eines Gegners oder Feindbilds sowie dessen Diffamierung kann dazu dienen, unter den Zuhörern ein Zusammengehörigkeits- oder Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen, das in erster Linie auf Abgrenzung beruht: „wir“ gegen „die anderen“.

Die nationalsozialistische Propaganda, die bewusst darauf zielte, das Volk aufzuhetzen und Kriegsbereitschaft zu schüren, ist ein extremes Beispiel für diesen Mechanismus. In abgeschwächter Form sind entsprechende Strategien regelmäßig überall dort zu beobachten, wo unterschiedliche Lager mit gegensätzlichen Positionen oder Interessen aufeinandertreffen.

Gegnerschaft ohne Diffamierung

Gewerkschaftsvertreter und Konzernchefs beispielsweise eint zwar das übergeordnete Ziel eines erfolgreichen Unternehmens, das sichere Arbeitsplätze bieten kann – doch auf welchem Wege dieses Ziel zu erreichen ist oder welche Einschränkungen oder Opfer dafür zu erbringen sind, darüber gehen die Meinungen gern auseinander. Dies führt zu Konfliktsituationen, etwa in Tarifverhandlungen oder bei bevorstehenden Umstrukturierungen. In der öffentlichen Wahrnehmung hat bei einer solchen Auseinandersetzung häufig die Seite die besseren Karten und die Sympathien auf ihrer Seite, die nach außen hin die besten (Kommunikations)Strategien anwendet.

Vor einem ähnlichen Dilemma stehen politische Parteien, die einerseits unterschiedliche Prioritäten oder Lösungsansätze verfolgen, andererseits aber darauf angewiesen sind, in Koalitionsregierungen Kompromisse auszuloten – und diese dann möglichst als eigenen Erfolg nach außen zu verkaufen. Nicht selten geschieht auch hier die eigene Aufwertung durch eine Abwertung der Gegenposition. Wichtig ist dabei jedoch, die als „Sündenbock“ identifizierten Figuren nicht einer allzu ausufernden Diffamierung zu unterziehen, denn das könnte negativ auf den Sprecher selbst zurückfallen.

Metaphern einsetzen, Gedächtnis aktivieren, Zuhörer überzeugen durch Metaphern

Nutzen Sie Metaphern in Redestrategien, bleibt diese den Zuhörern bessern in Gedächtnis, als unzählige Fakten © Krakenimages.com – Shutterstock

Öffentliches Agendasetting gelingt ohnehin vor allem durch geschickte Rhetorik: Eine starke Metapher wird sich dem Zuhörer eher ins Gedächtnis brennen als aneinandergereihte Argumente – unabhängig davon, wie gut diese sachlich sein mögen. Es sind die sprachlichen Stilmittel, die den Unterschied machen: paralleler Satzbau, wiederholte Wörter, passende Metaphern oder klug gewählte Adjektive sind rhetorische Finessen, mit denen ein Redner seine Inhalte anschaulich vermitteln kann.

Rhetorischer Einfluss auf Gerichtsprozesse

Eine Beeinflussung der Öffentlichkeit ist oftmals auch im Kontext aufsehenerregender Zivil- oder Strafrechtsprozesse zu beobachten. Zwar sollen die Richter in solchen Verfahren unvoreingenommen agieren und Gesetze möglichst neutral anwenden, doch der äußere Druck von Medien und Öffentlichkeit ist mitunter enorm.

Dies gilt umso mehr, wenn einzelne Prozessbeteiligte ihre Sichtweise auf die in Frage stehenden Sachverhalte geschickt nach außen kommunizieren. Ist die Stimmung erst einmal aufgeheizt, wird eine sachliche Untersuchung vor Gericht schwierig. Häufig kann sich die Anklage darauf verlassen, dass durch mediale Berichterstattung die Öffentlichkeit in ihrem Sinne beeinflusst wird: Dramatisierung, Übertreibungen, Verallgemeinerung oder Gemeinplätze zählen zum Tagesgeschäft. Je reißerischer die Aufmachung, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass ein Artikel angeklickt oder eine Zeitung gekauft wird. Nicht das sachliche Argument steht im Vordergrund, sondern das Gefühl, das bei der Zuhörer- oder Leserschaft erzeugt wird und gezielte Lenkungswirkung entfaltet.

Auf diese Weise kann die Glaubwürdigkeit der Verteidigung oder auch einzelner Zeugen bereits öffentlich beschädigt werden, noch ehe sie Gelegenheit hatten, vor Gericht auszusagen. Ein nachträgliches Abschwächen der Kritik durch die Medien geschieht selten – und wenn, ist es für eine Revision der öffentlichen Wahrnehmung meist schon zu spät. Um dem Angeklagten dennoch einen fairen Prozess zu ermöglichen, sind neben juristischen Finessen immer wieder auch rhetorische Fähigkeiten auf Seiten der Anwälte gefragt.

Gerichtsreden in US-Juryprozessen

Deutlich stärker als im deutschen Prozessrecht gilt dies in den USA: Wo eine Jury aus zwölf ausgewählten Normalbürgern über Schuld und Unschuld eines Angeklagten befinden kann, gewinnt das rhetorische Geschick der Juristen umso mehr an Bedeutung.

Ihr Arbeitsauftrag lautet, die Gruppe der Geschworenen im Sinne ihrer Seite zu beeinflussen. Ihr wichtigstes Instrument dabei ist die Sprache. Unterzieht man US-Gerichtsreden im Zuge einer Redeanalyse einer Parzellierung, also einer fragmentierten Betrachtung einzelner Redebestandteile, wird man in ihrem Aufbau klare Strukturen erkennen können: Begriffe, die immer wieder aufgegriffen werden, Metaphern, die den Sachverhalt greifbar machen, aber die Zuhörer auch in eine bestimmte Richtung lenken sollen, ein Mix aus Dramatisierung und Beschwichtigung und dergleichen mehr prägen regelmäßig die leidenschaftlich vorgetragenen Plädoyers in Geschworenenprozessen.

Inhaltlich erfolgt eine Koppelung der eigentlichen Erörterung der Sachverhalte mit einer gezielten Beeinflussung zugunsten des eigenen Standpunkts oder Arbeitsauftrags. Diese Verknüpfung muss für die Zuhörer stimmig sein, nicht zu widersprüchlich und nicht zu plakativ, um überzeugend zu wirken.

Weitere Merkmale sind die klare Unterteilung in Einleitung, Hauptteil und Schluss – schließlich gipfelt die Gerichtsrede im Schlussplädoyer, sodass eine dramaturgische Redestrategie mit Steigerung zum Finale hin sich geradezu aufdrängt – sowie der Appell an die Emotionen der Jury. Während vor deutschen Gerichten juristisch-trockene Sachlichkeit als Tugend gilt, entscheidet im US-Strafrecht immer auch das Gefühl der Geschworenen über das Schicksal des Angeklagten. Rhetorische Brillanz in der Verteidigung kann dadurch erheblichen Einfluss auf den Ausgang eines Verfahrens nehmen – genauso wie rhetorische oder kommunikative Fehler.

Erfolgreiche Redestrategien: Muster erkennen, rhetorische Stilmittel lernen

Wer üben will, kann sich in einer ruhigen Stunde eine missglückte Rede vornehmen und versuchen, die Kernbotschaft herauszuarbeiten und in ein besseres Skript zu gießen. Für den Einstieg empfiehlt es sich allerdings eher, sich nicht auf die Misserfolge zu fokussieren, sondern sich mit herausragend guten Vorträgen auseinanderzusetzen. Zum Beispiel, welche rhetorischen Stilmittel Verwendung finden? Wie grenzen sich Einleitung, Hauptteil und Schluss voneinander ab – und wie gelingen hier fließende Übergänge? Welche Redestrategien haben sich als besonders erfolgreich erwiesen und lassen sich daher immer wieder in berühmten Reden verschiedener Akteure finden?

Tipp: Haben Sie sich schon mal mit dem Thema Zahlensymbolik als Redestrategie auseinandergesetzt?

Wer hier die Muster erkennt und diese bei der Ausarbeitung der eigenen Rede bewusst selbst einsetzt, dem ist der Erfolg schon so gut wie sicher – denn egal, wie gut die Inhalte oder wie schlüssig die Sachargumente sein mögen, am Ende sind es die rhetorischen Stilmittel und Redestrategien, die darüber entscheiden, wie ein Vortrag beim Publikum ankommt.

Redaktion redenwelt.de

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