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Rhetorik-Tipps

Anekdoten in Reden: Wie Sie mit Rhetorik Ihr Publikum fesseln

Ein großer Redner informiert nicht, er bewegt: Sicherlich sollte man sein Publikum in erster Linie durch Inhalte und fundiertes Wissen überzeugen. Doch mindestens genauso wichtig ist die Art und Weise, wie diese Inhalte vermittelt werden. Vom Blatt abzulesen ist eine Möglichkeit, doch die Aufmerksamkeit der Zuhörer lässt sich auf diese Weise nicht gewinnen. Punkten können Sie bei Ihren Zuhörern vor allem mit Humor, Lebendigkeit, Zitaten und Leichtlebigkeit. Anekdoten eignen sich besonders gut, um in ihrer Form als spannende, geistreiche und im besten Falle humorvolle Kurzgeschichte das Publikum zu fesseln. Ob förmlich in einer Hochzeitsrede oder in einer Rede für Freunde – mit Anekdoten punkten Sie als Redenschreiber immer.

Was ist eine Anekdote: Begriff und Merkmale

Kaiser Justinian

Die Entstehung des Begriffs Ankedote – eine Reise in die Zeit nach Kaiser Justinian © benjaminec – Shutterstock

Der Begriff „Anekdote“ leitet sich von dem griechischen Begriff anékdoton (ἀνέκδοτον) ab und lässt sich am ehesten mit „nicht herausgegeben“ bzw. „etwas, was nicht herausgegeben wurde“ übersetzen. Das Wort geht auf den im 6. Jahrhundert herrschenden byzantinischen Kaiser Justinian I. zurück, über den man nach seinem Tod verschiedene – mitunter skandalöse Geschichten – erzählte. Diese wurden anfangs in der Regel mündlich weitergegeben, bevor sie schließlich auch schriftlich durch Redenschreiber festgehalten wurden. Daher der Begriff „nicht herausgegeben“, da diesen Anekdoten ein eigentlich inoffizieller Charakter innewohnte.

Wodurch zeichnen sich Anekdoten aus?

Eine der ältesten und bekanntesten Anekdoten ist die von Marie Antoinette: Im 18. Jahrhundert erzählte man sich, dass die Königin auf den Hinweis, die arme französische Bevölkerung hätte nicht genügend Brot zum Essen, geantwortet haben solle: „Dann sollen sie eben Kuchen essen“ (Qu‘ils mangent de la brioche“). Eine knappe Geschichte, die die Hauptperson Marie Antoinette scharf charakterisiert und den Eindruck erweckt, der Erzählende sei unmittelbar dabei gewesen. Die Erzählung fokussiert das Wichtigste und endet pointiert – die grundlegendsten Merkmale einer Anekdote.

Dabei ist immer zu bedenken, dass Anekdoten nicht zwangsläufig authentisch sein müssen. So wurde beispielsweise immer wieder kontrovers diskutiert, ob Marie Antoinette sich tatsächlich derart ignorant bzw. naiv und unwissend über das eigene Volk geäußert habe. Die gleiche Geschichte wurde übrigens auch anderen Personen zugeschrieben.

Gute Anekdoten: Beispiele für guten Einsatz

Doch obwohl Anekdoten nicht immer wahren Tatsachen entsprechen müssen, gelten sie gemeinhin als Veranschaulichung eines markanten Wesenszuges einer bestimmten Person. Dieser wird damit sinngemäß übermittelt.

Literarisch ähnelt die Anekdote einem Witz, einer Fabel, einem Schwank oder auch einer Kurzgeschichte. In modernen Anekdoten geht es häufig auch um die Darstellung eines bestimmten Zeitgeistes oder typischer Merkmale einer bestimmten Gesellschaftsschicht oder Begebenheit. Da der Wahrheitsanspruch allerdings nicht immer gegeben ist, lehnen Historiker Anekdoten oftmals ab. Als nicht ganz ernst gemeinte Auflockerung einer Rede eignen sie sich jedoch allemal.

Die Wirkungsweise von Anekdoten in Reden: Von Lebendigkeit und Humor

Wenn Sie eine Rede halten, ist das Wichtigste, dass Sie Ihre Zuhörer fesseln und deren Aufmerksamkeit auf Ihre Worte lenken. Wie das am besten funktioniert? Gestalten Sie Ihren Vortrag lebendig und anschaulich. Manches Mal ist es für den Zuhörer schwierig, über einen längeren Zeitraum einem Monolog aus Fachtermini, Zahlen, Daten und Fakten zu folgen. Eine lebendige und bildhafte Sprache hilft dabei, das Gesagte für Ihr Publikum greifbarer und anschaulicher zu machen.

Metaphern und Anekdoten sind dafür die besten Stilmittel. Sie können einen Sachverhalt so nicht nur deutlicher erklären, sondern auch Ihre Intention greifbarer darstellen. Mit der Verwendung von Anekdoten wird Ihre Rede unterhaltsam, humorvoll und vor allem einprägsam! Denn die Bilder und Geschichten, die Sie Ihren Zuhörern vermitteln, prägen sich nachhaltiger ins Gedächtnis ein als blanke Zahlen und Daten.

Natürlich müssen Sie dabei nicht auf Ihr Manuskript oder einen kleinen Handzettel verzichten – im Gegenteil. Manchmal helfen einige Stichpunkte, die Aufregung und das Lampenfieber ein Stück weit verfliegen zu lassen – was Ihren Vortrag wiederum frei für geschliffene Formulierungen, eine durchdachte Struktur und vielleicht auch den einen oder anderen humorvollen Einwurf an der richtigen Stelle macht. Achten sollten Sie lediglich darauf, dass Sie trotz Notizen möglichst freisprechen und nicht nur ablesen. Das zeigt Stärke und Selbstbewusstsein.

Welche Reden eignen sich für Anekdoten?

Mit einer Anekdote fesseln Sie Ihre Zuhörer und machen Ihre Rede lebendig. Soweit, so gut. Doch wie bauen Sie den kleinen Exkurs am besten in Ihren Vortrag ein? Wichtig ist, dass die von Ihnen gewählte Kurzgeschichte auch zum Thema Ihres Vortrags passt. Es würde sich also nur bedingt anbieten, zur Auflockerung einfach willkürlich eine Anekdote zu erzählen, die keinen Bezug zum Inhalt Ihrer Ausführungen hat. So stiften Sie als Redner allenfalls Verwirrung anstatt Aufmerksamkeit.

Anekdoten passen nicht immer

Grundsätzlich können Sie in jede beliebige Rede eine entsprechende Anekdote einbauen. Allerdings sollten Sie sich vorher darüber im Klaren sein, welche Reaktion Sie mit der Geschichte erreichen möchten oder möglicherweise ungewollt erreichen.

Da Anekdoten in der Regel humorvoll und auflockernd wirken, ist eine Trauerrede nicht immer für den Einbau von Anekdoten geeignet. Es sei denn, die Trauerfeier ist ganz gezielt so geplant – falls sich das der oder die Verstorbene beispielsweise gewünscht hat. Wenn eine Trauerfeier gezielt als Erinnerung an das Leben des Verstorbenen nicht traurig, sondern freudig gestaltet werden soll, bietet es sich für Sie als Redner durchaus an, eine humorvolle Anekdote aus dem Leben des Verstorbenen zu erzählen. Das weckt Erinnerungen, hält sie wach und hilft unter Umständen bei der Trauerbewältigung.

Den Redeanlass beachten

Wie eine Anekdote ankommt, hängt also immer von den entsprechenden Umständen ab. Achten Sie deshalb unbedingt auf den jeweiligen Hintergrund, vor dem Sie die Rede halten. Helfen kann dabei oftmals, sich auf sein Bauchgefühl zu verlassen. Zu den Anlässen, in denen Anekdoten in der Regel immer gut ankommen, zählen beispielsweise:

Vorsichtig sollten Sie dagegen sein, wenn der Anlass ein zu ernster oder trauriger ist:

  • Gedenkreden zu schwierigen historischen Ereignissen (zum Beispiel Krieg, Holocaust, u. a.)
  • Betriebliche Präsentationen im Berufsleben (hier kommt es stark auf Inhalt und Publikum an)
  • Reden auf Demonstrationen

Ein allgemeingültiges Richtig oder Falsch gibt es jedoch nicht, hängt die Gestaltung einer Rede doch immer vom Publikum und der individuellen Situation ab.

Der richtige Zeitpunkt: Wo Anekdoten in Reden am besten funktionieren

Bei der Frage, wie man Anekdoten am besten in die Rede einbaut, ist nicht nur wichtig, in welchen Reden diese überhaupt angebracht sind. Wenn Sie sich für eine Anekdote in Ihrer Rede entschieden haben, stellt sich auch die Frage, an welcher Stelle Ihres Vortrages der kurze Exkurs seine Wirkung am besten entfaltet.

Üblicherweise ist vor allem die Einleitung wunderbar dafür geeignet, eine kurze Anekdote einzuarbeiten. Beginnen Sie mit Ihrem Vortrag, indem Sie eine kleine Geschichte erzählen, ziehen Sie damit die volle Aufmerksamkeit auf sich und die Zuhörer bekommen Lust, Ihnen bei Ihren weiteren Ausführungen zuzuhören. Nicht umsonst gilt der erste Satz einer Rede als der wichtigste überhaupt. Auf Standard-Phrasen sollten Sie also gezielt verzichten.

Auch am Schluss eines Vortrages eignet sich eine Anekdote gut, wenn sie zum Thema passt und dieses im besten Falle humorvoll zusammenfasst. Damit hinterlassen Sie einen bleibenden Eindruck bei Ihrem Publikum, Ihre Worte werden verstärkt und bleiben länger im Gedächtnis. Psychologisch gesehen ist der Schluss ein wichtiges Mittel, um Menschen zum Handeln zu bewegen und für eine Idee zu gewinnen.

Natürlich können Sie auch während Ihrer Rede einige kurze Anekdoten einbauen, sofern sich dies inhaltlich anbietet. Allerdings müssen Sie hier darauf achten, dass Sie Ihre Rede dadurch inhaltlich nicht ins Lächerliche ziehen oder zu unseriös wirken. An manchen Stellen kann sich aber eine kleine, humoristische Anmerkung sicherlich positiv auf die Aufmerksamkeit Ihres Publikums auswirken.

Von A bis Z: Beispiele für Anekdoten in Reden

Sie benötigen noch Inspiration und praktische Beispiele für Anekdoten? Die nachfolgenden Absätze geben Ihnen wertvolle Impulse, wie Anekdoten aussehen können und wie sich solche in Ihre Reden integrieren lassen. Schlussendlich hängt eine gute Rede jedoch immer vom Grad der jeweiligen Individualisierung ab.

Hochzeit

In Hochzeitsreden eignen sich Anekdoten in der Regel perfekt. Denn der schönste Tag im Leben darf mit einer Menge Humor und vielen Erinnerungen zu Ehren des Brautpaares untermalt sein. Es sei denn natürlich, das Hochzeitspaar wünscht es sich explizit anders. Wie bereits gesagt, kommt es immer auf die Situation an. Eine passende Anekdote wäre beispielsweise die von John F. Kennedy:

Einem Journalisten, der John F. Kennedy fragte, welches der beste Rat gewesen sei, den er je erhalten hätte, antwortete der Präsident spontan: „Der, meine Frau zu heiraten.“ „Und wer hat Ihnen diesen Rat gegeben?“ fragte der Reporter. „Na, sie selbst natürlich.“

Eine weitere humorvolle Geschichte rankt sich um den Berliner Maler Max Liebermann und seine Tochter:

Der bekannte Berliner Maler Max Liebermann beispielsweise hatte eine Tochter, die er abgöttisch verehrte. Darauf angesprochen, dass er sie irgendwann einmal in die Hand eines anderen Mannes geben müsste, erwiderte der Vater knurrend: „Den Kerl hass‘ ich jetzt schon!“ Aber wir wissen ja: Hunde, die bellen, beißen nicht. Vom humorigen, weisen Liebermann wird berichtet, wie er später seinen Schwiegersohn des Öfteren beiseitegenommen hat, um ihm vertrauliche Tipps für den Umgang mit den Tücken des weiblichen Geschlechts zu geben – vor allem mit Töchtern.

Ehe

Auch bei Ehejubiläen können sich Anekdoten auszahlen. Der Alltag nach der Ehe und dem ersten Verliebtsein zeigt sich oftmals anders, als ursprünglich erwartet. Humorvoll ausgedrückt verdeutlicht sich dies zum Beispiel in der folgenden Anekdote:

Schlechtgelaunt kommt der Ehemann nach Hause, wirft sich in den Sessel und greift zur Zeitung. „Du solltest dir mal ein Beispiel an unserem Nachbarn nehmen“, sagt seine Frau, „wenn er nach Hause kommt, umarmt er seine Frau und küsst sie zärtlich. Warum tust du das nicht auch?“ „Du bist gut!“ ruft der Ehemann. „Ich kenne die Frau doch gar nicht!“

Lehrer

alte Schulzeit

Früher war alles besser – von wegen, aber lassen sie Lehrer der alten Schule berichten © Travel stock – Shutterstock

Auch zu verschiedensten Berufsfeldern lassen sich Anekdoten erzählen. Besonders das Berufsbild des Lehrers eignet sich dafür. Kennen Sie einen Lehrer-Jubilar oder vielleicht sogar einen angehenden Lehrer? Vielleicht eignet sich für eine Rede eine kurze Anekdote wie diese:

Eine Mutter hatte plötzlich Schwierigkeiten mit ihrem Sohn. Er wollte nicht aufstehen und zur Schule gehen. Trotzig zog er das Bettlaken über den Kopf. „Ich gehe nicht zur Schule“, sagte er, „ich gehe nie wieder!“ – „Bist du krank?“ fragte die Mutter. „Nein“, kam unter der Bettdecke die dumpfe Antwort, „ich bin nur krank, was die Schule angeht. Sie hassen mich. Sie geben mir Spitznamen. Alle machen sich über mich lustig. Warum also sollte ich da noch hingehen?“ – „Ich kann dir zwei gute Gründe nennen“, entgegnete die Mutter. „Der Erste ist: Du bist jetzt 44 Jahre alt. Und der zweite ist: Du bist der Schulleiter!“

Richtfest

Ebenso gibt es Anekdoten rund um allerlei Festlichkeiten wie zum Beispiel das Richtfest. Üblicherweise erzählt man dabei von früheren Gegebenheiten, die sich traditionell bis heute gehalten oder auch in gewissen Punkten verändert haben. Eine interessante Anekdote lautet:

Am Vorabend „kloppten“ die Zimmerleute „den Stockfisch weich“, ein Brauchtum, das man auch „Hillebille“ oder „Hillebillekloppen“ nannte. Die Zimmerleute schlugen mit Beilen und Äxten auf ein dickes Stück trockenes Buchenholz, das sie auf die oberste Balkenlage gelegt hatten. Der Lärm sollte wohl einst die bösen Geister verscheuchen. Durch verschiedene Schlagarten entstanden vielseitige Rhythmen. Geschickte Zimmermannsgesellen konnten die Zuhörer damit bis tief ins Land hinein unterhalten, denn der Schlag klang weit über Berg und Tal. Von Zeit zu Zeit machten sie Pause; in der ersten Pause hielt für gewöhnlich der Zimmermannsgeselle oder Zimmermannsmeister eine Rede. Im Aargau wurde die Richtfeier mit einem viertelstündigen Klopfen und Hämmern aller Anwesenden beendet – das muss einen gewaltigen Lärm gegeben haben (und hat bestimmt für Stimmung gesorgt).

Anekdoten in Reden sind nicht alles: Auf die Mischung kommt es an

Redekunst besteht nicht ausschließlich aus Rhetorik, gleichwohl diese jedoch ein wichtiges Mittel ist, Zuhörer an Ihre Worte zu fesseln und Interesse zu wecken. Doch neben all der sprachlichen Extravaganz darf natürlich auch der Inhalt Ihrer Ausführungen nicht zu kurz kommen. Fokussieren Sie sich also nicht zu stark auf passende Formulierungen und humorvolle Anekdoten – sondern behalten Sie unbedingt auch Ihre Botschaft im Blick.

Denn letztlich ist auch die sprachlich beste Rede wertlos, wenn sie keinen Inhalt vermittelt. Eine gute Rede besteht also immer aus zwei Teilen: Sprache und Inhalt. Im besten Falle halten diese beiden Teile die Waage.

Redaktion redenwelt.de

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