So spielen Sie mit der 70 in Ihrer Rede
Die Siebzig als durchschnittliche Lebenserwartung
„Unser Leben währet siebzig Jahre,
und wenn’s hoch kommt,
so sind’s achtzig Jahre,
und was daran köstlich scheint,
ist doch nur vergebliche Mühe;
denn es fähret
schnell dahin,
als flögen wir davon.“
Psalm 90, Vers 10 in der Bibel-Übersetzung von Martin Luther
Die Siebzig in der Religion
Über Methusalem lesen wir im ersten Buch Mose 5, 27, "dass sein ganzes Alter ward 969 Jahre“, als er starb. Später setzte Gott dann das Alter drastisch herunter. Im ersten Buch Mose 6, 3 heißt es nämlich nur noch: „Ich will ihm als Lebenszeit geben 120 Jahre.“ Und dann ging’s noch einmal bergab, jetzt also waren nur noch 70, höchsten 80 Jahre drin, durchschnittlich wohlgemerkt. Und das bedeutet: Für manche Menschen ist das Leben schon vorher vorbei, für andere noch lange nicht.
Die Siebzig ist das Ergebnis der Multiplikation der heiligen Sieben mit der umfassenden Zahl zehn. In christlicher Tradition symbolisiert die Sieben „Gottes Ratschluss und Weisheit“, die Zehn symbolisiert „alle“.
Nach hebräisch-jüdischer Ausdrucksweise gibt es 70 Völker und Sprachen, weshalb Jesus
(Lukas 10, 1) 70 Jünger aussendet, was bedeutet, dass das Evangelium allen Völkern gepredigt werden soll.
Vor diesem Hintergrund kann auch Jesu Aufforderung an Simon Petrus verstanden werden
(Matthäus 18, 21-22):
„Dann trat Petrus zu ihm und sprach: Herr, wie oft soll ich meinem Bruder, der gegen mich sündigt, vergeben? Bis siebenmal?" Jesus spricht zu ihm: "Ich sage dir: Nicht bis siebenmal, sondern bis siebzigmal sieben.“
Die tiefere Botschaft lautet: Gott will, dass Petrus allzeit vergeben soll.
Die Zahl siebzig steht im Alten Testament auch für alle Nachkommen oder Söhne (Exodus 1, 5; Richter 8, 30). „70 Männer von den Ältesten Israels“ durften Moses auf den heiligen Berg Sinai begleiten (allerdings nur nach dem 2. Buch Mose 24, 9; nach weiteren Bibelstellen spricht Gott mit Moses allein).
70 (bzw. 72) jüdische Gelehrte sollen auf Veranlassung des ägyptischen Königs Ptolomäus II. Philadelphos in Alexandria das Alte Testament in 70 (bzw. 72) Tagen ins Griechische übersetzt haben – diese älteste und wichtigste griechische Übersetzung der Bibel (3.-1. Jahrhundert vor Christus) heißt noch heute „Septuaginta“ (lateinisch = die Siebzig).
„Wenn ich also heute bei meiner Geburtstagfeier 70 Gäste geladen habe, so befinden wir uns in einer ehrwürdigen Tradition. Auch wenn ihr nicht alle ,Älteste‘ oder ,Gelehrte‘ seid – ihr seid für mich ganz besonders wichtige Menschen.“
Im späteren Midrasch, d. h. in den rabbinischen Auslegungen biblischer Texte, steht ein interessanter Spruch, was den Konsum von Wein angeht:
„Wer beim Wein besonnen bleibt, der hat die Einsicht der siebzig Weisen.“
„Wer trotz des köstlichen Weins heute besonnen bleibt, wird also besonders weise handeln! Zum Wohle."
Die Siebzig im Zitat
Ich habe nur eine einzige Tugend: Ich könnte wirklichsiebzigmal siebenmal verzeihen.
Gilbert Keith Chesterton (1874-1936), englischer Schriftsteller, bekannt vor allem durch seine parodistischen Detektiverzählungen von „Pater Brown“
(siehe oben: Matthäus 18, 21f)
Wer mit siebzig eine reizvolle alte Dame sein möchte, muss als 17-jähriges Mädchen damit anfangen.
Chestertons Kollegin Agatha Christie (1890-1976), englische Kriminalschriftstellerin, Schöpferin des schrulligen belgischen Meisterdetektivs Hercule Poirot und der ältlichen Amateurkriminalistin Miss Marple
Wir waren beide der Meinung, wir sind jetzt über Siebzig, da lohnt sich’s nicht mehr zu streiten.
Kurt Biedenkopf (*1930), deutscher Politiker (CDU), 1990-2002 Ministerpräsident Sachsen, 1999 CICERO Rednerpreis, 2001 über seine Versöhnung mit Helmut Kohl
Die Mistinguett (eigtl. Jeanne Florentine Bourgeois, 1873-1956, französische Schauspielerin und Chasonsängerin) bekam einen Antrag, in einem Film zu spielen. Sie war gerade siebzig geworden. Der Produzent:
„Es gibt in dem Film nur zwei weibliche Rollen, die der alten Dame und die des Mädchens.“
Darauf die Mistinguett: „Ich akzeptiere – und wer wird die Rolle der Alten spielen?“
Der Maler Max Liebermann spazierte 1933 mit einem Bekannten durch den Berliner Tiergarten, als ein sehr junges schönes Mädchen an ihnen vorbeiging. Liebermann, damals 85, drehte sich verzückt nach ihr um und sagte zu seinem Freund:
„Siebzig müsste man sein!“
Es ist keine Sünde, 70 zu sein – aber auch kein Vergnügen.
Golda Meir (1898-1978), israelische Politikerin, 1969-74 Ministerpräsidentin
Mit 70 muss man damit rechnen, aus biologischen Gründen vertragsbrüchig zu werden.
Loriot (*1923) eigentlich Victor „Vicco“ von Bülow, deutscher Cartoonist, Autor, Regisseur und Schauspieler
Thomas Jefferson (1743-1826), dritter US-Präsident (1801-09), schrieb mit 71 Jahren in einem Brief an den 78-jährigen John Adams (1735-1826), seinen Vorgänger (Präsident von 1797-1801):
„Die Maschinen unserer Körper sind nun siebzig oder achtzig Jahre gelaufen. Verschlissen, wie sie sind, müssen wir damit rechnen, dass hier ein Zapfen, dort ein Rädchen, hier ein Ritzel, dort eine Feder den Dienst versagt. Und wenn sie auch nach der Reparatur wieder für eine Weile laufen, über kurz oder lang werden sie doch einmal für immer still stehen.“
Was tat die Prominenz mit Siebzig?
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) dankte im Jahr 1819 am 70. Geburtstag seinen Festgenossen in Weimar:
„Das ist ein Tag, an welchem der wohldenkende Mensch Aufmerksamkeit von außen bedarf. Ein Tag,der einen veranlasst, innerlich sowohl rückwärts als vorwärts zu blicken, jenes mit vollem Ernst, dieses mit einiger Bedenklichkeit.“
Gottfried Keller (1819-1890), der Schweizer Dichter, erhält im Jahr 1889 zu seinem Siebzigsten Telegramme und Briefe aus ganz Deutschland und der Schweiz. Sein Freund Arnold Böcklin entwirft sogar eine Keller- Gedenkmünze. Doch Keller focht das alles nicht an. Er war an einen einsamen Ort geflohen, um, wie er schrieb, „... dem schrecklichen 70. Geburtstag zu entgehen, mit dem man mich bedrohen möchte und den ich vermeiden muss“.
Thomas Mann (1875-1955), der große deutsche Dichter und Nobelpreisträger, hielt mit siebzig im Jahr 1945 in Washington seine berühmte Rede über „Deutschland und die Deutschen 1945“:
„Wie ich hier vor Ihnen stehe, ein Siebzigjähriger, ... habe ich das Gefühl, dass das Leben aus dem Stoff ist, aus dem die Träume gemacht sind. Alles ist so seltsam, so wenig glaubhaft, so unerwartet. Ich habe nie gedacht, es zu patriarchalischen Jahren zu bringen, obgleich ich es theoretisch schon früh für wünschenswert hielt. ..., wenn man schon einmal zur Welt geboren sei, wäre es gut und ehrenwert, lange darin auszuhalten und ... auf allen Lebensstufen charakteristisch fruchtbar zu sein.“
Konrad Adenauer (1876-1967), Deutschlands erster Bundeskanzler (1949-63), plante in seinem siebten Lebensjahrzehnt die Gründung einer neuen Partei: der CDU. Genau am 5. Januar 1946, an seinem 70. Geburtstag, fand in seinem Wohnort in Rhöndorf bei Bonn die entscheidende Versammlung statt. Hindernisse gab es genug: Die britische Militärregierung hatte ihn drei Monate zuvor aus seinem Amt als Kölner Oberbürgermeister „wegen Unfähigkeit“ entlassen.
Über diese Zeit schrieb Adenauer später in seinen Memoiren:
„Die Gründung einer neuen Partei war schwer bei der trostlosen Lage ... Not und Gleichgültigkeit gegenüber politischen Angelegenheiten bei den meisten Deutschen waren entmutigend.“
Pablo Picasso (1881-1973), der spanische Maler, Grafiker und Bildhauer, war bei seinem 70. Geburtstag 1951 schon längst der berühmteste Maler der westlichen Welt. In einem Bericht heißt es:
„Er feierte den 70. Geburtstag so ausgiebig, dass er einen Hexenschuss erlitt. Dies tat seinem weiteren Schaffensdrang bis ins 92. Lebensjahr aber keinen Abbruch.“
Helmut Schmidt (*1918), deutscher Bundeskanzler von 1974-82, war bei seinem Siebzigsten im Jahr 1988 Mitherausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“.
Den 70. Geburtstag feierte er an historischem Ort, nämlich in der Stadthalle von Bonn-Bad Godesberg, in der 30 Jahre zuvor das Godesberger Programm der SPD
verabschiedet worden war. Unter den Festrednern war der damalige Finanzminister Theo Waigel (CSU). Er lobte an Schmidt drei Qualitäten, die nach Max Weberfür einen Politiker entscheidend sind: Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß
Annemarie Renger (*1919), deutsche Politikerin(SPD), Präsidentin des Deutschen Bundestags 1972-76, begann im siebzigsten Lebensjahr 1989, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Titel: „Ein politisches Leben“. In jungen Jahren „Miss Bundestag“, war sie zur „Grande Dame“ der SPD avanciert. Die Osnabrücker Zeitung attestierte ihr zu ihrem 70. Geburtstag: „Sie gilt als erste Nachkriegspolitikerin, die es schaffte, bundesweit bekannt zu werden.“
Hildegard Hamm-Brücher (* 1921), deutsche Chemikerin und Politikerin (1948-2002 in der FDP), war die zweite „Grande Dame“ der deutschen Nachkriegspolitik.Sie bekleidete 1991, in ihrem siebzigsten Lebensjahr, zwar kein Regierungsamt mehr (sie war 1969-72 Staatssekretärin im Bundesbildungsministerium und 1976-82 Staatsministerin im Auswärtigen Amt gewesen), mischte aber noch tatkräftig in der Politik mit, sodass die „Süddeutsche Zeitung“ anlässlich ihres 70. Geburtstags schrieb:
„Für eine stille Ruheständlerin eignet sie sich nicht.“ Das bestätigte sich, als sie 1994 als erste Frau beherzt für das Amt des deutschen Bundespräsidenten kandidierte.
Armin Mueller-Stahl (*1930), einer der wenigen deutschen Weltstars unter den Schauspielern der Gegenwart, sagte laut „Das Beste aus Reader’s Digest“ (Ausgabe 7/2003) im Alter von 72 Jahren auf die Frage „Empfinden Sie das Leben als zu kurz?“:
„Nicht, wenn man mit 20 auf 70 schaut. Aber wenn man von 70 zurückschaut auf 20. Manches ist Jahrzehnte her und so präsent, als wäre es neulich gewesen."
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