„Ausgesprochen gut!“: Wie Sie mit der richtigen Sprache Ihr Publikum mitreißen
Oettinger Talking English – Günther Oettinger, zukünftiger EU-Energiekommissar und noch Ministerpräsident von Baden-Württemberg, spricht bei der siebten Jahreskonferenz des „Zentrums für Kapitalismus und Gesellschaft“ der Columbia University.
Englischkenntnisse „gut“, hat Günther Oettinger bei seiner Bewerbung als EU-Kommissar angegeben. – Na, ob das wohl stimmt?
Der noch Ministerpräsident von Baden-Württemberg zieht seit ein paar Tagen plötzlich erstaunliches Interesse auf sich. Jung und Alt will ihn reden hören, politisch Engagierte, politisch Interessierte und sogar Politik-Abstinente hängen nun an seinen Lippen – und wollen alle nur das Eine: Günther Oettinger Englisch sprechen hören.
Diesen Wunsch erfüllt YouTube mit einem Zusammenschnitt einer Ansprache, die Günther Oettinger letzten Dezember in Berlin bei der siebten Jahreskonferenz des „Zentrums für Kapitalismus und Gesellschaft“ der Columbia University vor internationalem Publikum gehalten hat.
Gewiss hatte Günther Oettinger damals nicht erwartet, dass ausgerechnet diese Rede ihn zum Star machen würde: bei YouTube, wo der Zusammenschnitt bereits rund eine Million Mal aufgerufen wurde.
Wobei Herrn Oettinger eine andere Art von Star-Rummel sicher lieber gewesen wäre: wenn er für den Inhalt seiner Rede gerühmt, anstatt für seine Aussprache und Wortwahl belächelt worden wäre.
Aber in jedem Fall hat sich Günther Oettinger mit dieser Rede Gehör verschafft und ein unerwartet breites Publikum angesprochen. Und das ist doch ein Erfolg! Denn nun wissen auch YouTube Nutzer, die bislang noch nicht einmal etwas von Günther Oettinger gehört hatten, dass er derzeit noch der Ministerpräsident von Baden-Württemberg ist und zukünftig EU-Energiekommissar sein wird.
Damit auch Sie sich mit Ihrer nächsten Rede oder Präsentation Gehör verschaffen und – ganz im gewünschten Sinn – zum Star werden, hier einige Tipps, wie Sie „Sprachschwierigkeiten“ vermeiden.
„Do you speak German?“
Klar, wer seine Rede in einer Fremdsprache hält, kann schnell Fehler machen. Aber ebenso schnell passieren sprachliche Ausrutscher in der Muttersprache. Und das ist dann richtig peinlich!
„Auf gut Deutsch!“
Jeder junge Verkäufer lernt es bereits bei seinem ersten Verkaufstraining: „Sprechen Sie immer die Sprache Ihrer Kunden!“ – Dasselbe gilt auch für Sie als Redner, nur dass Ihre Kunden „Zuhörer“ heißen. Auch Sie als Redner wollen etwas verkaufen: Ihre Gedanken, Ideen und nicht zuletzt sich selbst.
Sprechen Sie deshalb so, dass Ihr Publikum Ihren Ausführungen problemlos folgen kann und nicht lange über einzelne Wörter grübeln muss. Vermeiden Sie überflüssige Fremdwörter, beschränken Sie sich auf die wirklich nötigen, für alle gängigen Fachbegriffe und sagen Sie das, um was es Ihnen geht, ansonsten „auf gut Deutsch“.
Der Kabarettist Matthias Brodowy hat einmal gesagt: "Hinter einem denglisch-babylonischen Sprachgewirr kann man sich wunderbar verstecken, Wissenslücken vertuschen und Kompetenz vorgaukeln. Unterm Strich bleibt allerdings oft nur heiße Luft. Der Gebrauch der eigenen Sprache ist hingegen nicht nur eine Frage der Kultur, sondern auch der Ehrlichkeit: Ich will, dass man mich versteht!"
Und das ist doch bestimmt auch Ihr Ziel!
„Do you understand? – „Tun Sie verstehen?“
Sicher, Anglizismen lassen sich nicht immer vermeiden. Gerade im Bereich der Informationstechnologie haben sich mittlerweile zahlreiche Begriffe durchgesetzt, die in der deutschen Version seltsam anmuten: wie „Klapprechner“ für „Laptop“ oder „tragbarer Musikspieler“ für „iPod“?
Aber Achtung vor den Anglizismen, die sich so gut tarnen, dass sie kaum mehr als solche erkannt werden – und die in der deutschen Sprache absolut nichts zu suchen haben.
So leben wir in Deutschland beispielsweise auch 2010 nicht in 2010. Dieses aus dem Englischen kommende „in“ ist in der deutschen Sprache vor der Jahreszahl völlig fehl am Platz.
Und ebenso ergibt es auf Deutsch keinen Sinn, wenn jemand behauptet, etwas würde Sinn „machen“. Denn das englische „to make sense“ heißt korrekt übersetzt nun mal „Sinn ergeben“ oder auch „sinnvoll sein“.
Vorsicht auch, wenn Sie über ein „Public Viewing“ sprechen und englische Muttersprachler anwesend sind: die könnten dann leicht der Meinung sein, es wäre von der „öffentlichen Aufbahrung prominenter Verstorbener“ die Rede. Denn das bezeichnet der Begriff im amerikanischen Englisch und im britischen Englisch gibt es ihn überhaupt nicht.
So gilt frei nach Schiller als Faustregel: Drum prüfe, wer in die Rede fremde Worte bindet, ob sich nicht auch ein gutes deutsches findet.
„Machen Sie’s kurz!“
In der Kürze liegt die Würze – und das gilt nicht nur für Ihre Rede als Ganzes, sondern auch für jeden einzelnen Satz Ihrer Ansprache. So mancher Nebensatz, der sich in der Schriftsprache noch stilvoll anhängen lässt, verlangt bei der gesprochenen Sprache nach Eigenständigkeit. Verlieren Sie sich also nicht in langen Satzkonstruktionen, sonst verlieren Sie schnell auch Ihre Zuhörer!
„Bleiben Sie sich treu!“
Sprechen Sie auch als Redner so, wie es Ihr Publikum aus persönlichen Gesprächen mit Ihnen gewohnt ist. Sie sind schließlich Redner, nicht Schauspieler. Wer in eine andere Rolle schlüpft wirkt oftmals komisch und in der Regel unglaubwürdig. Auch wenn Ihre Sprache von einem leichten Dialekt gefärbt ist: zwingen Sie sich nicht zu einem gestelzten Hochdeutsch. Wenn Ihr Publikum schmunzeln soll, dann besser über gezielte Pointen, als über gezwungene Sprachakrobatik.
„Ohne Worte“
Achten Sie auch auf Ihre Körpersprache! Und bringen Sie Bewegung in Ihre Rede. Wer nur stocksteif dasteht, kann nun mal keine lebendige Rede halten. Allerdings sollten Sie Ihre Worte mit Ihren Gesten auch nicht „übertönen“. Das richtige Maß liegt wie fast immer in der Mitte.
„Kein Amtsdeutsch!“
Vermeiden Sie Substantivierungen und knochentrockene Faktensammlungen, die Ihre Rede schnell abgehackt und unpersönlich wirken lassen. Das Verb, das auch als „Tun-Wort“ bezeichnet wird, trägt diesen Namen ja nicht umsonst. Auch in Ihrer Rede sorgt es dafür, dass sich etwas tut.
Es klingt doch gleich ganz anders, wenn ein Redner anstatt „Einberufung einer Besprechung zwecks Information über die Inbetriebnahme einer neuen Produktionsstätte“ sagt: „In Kürze werden wir unsere neue Produktionsstätte eröffnen. Doch bevor es soweit ist, werden wir uns noch zusammensetzen, um alle wichtigen Einzelheiten zu besprechen.“ Welcher Einladung würden Sie lieber folgen? Geben Sie sich in Ihrer Rede also nicht förmlich, sondern aktiv – und beziehen Sie Ihre Zuhörer in Ihre Rede ein.
Auch durch eine reine Fakten-Sammlung reißt schnell die Verbindung zu Ihrem Publikum. Sprechen Sie deshalb Ihre Zuhörer immer wieder an. Führen Sie Ihr Publikum mit ein paar Worten zum nächsten Punkt hin oder kommentieren Sie die einzelnen Punkte kurz. Und vor allem: Geben Sie Ihrem Publikum – auch durch kleine Sprechpausen – die Zeit, die einzelnen Fakten aufzunehmen und zu verarbeiten.
„Wir sitzen alle in einem Boot“
Doch noch einmal zurück zu Günther Oettinger, der in seiner Rede auch daraufhingewiesen hat: „Wie ar ol sitting in won boot“, „Wir sitzen alle in einem Boot“ – eine deutsche Redewendung, die es so auf Englisch nicht gibt.
Wäre der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle bei Oettingers Rede Ohrenzeuge gewesen, er hätte sich bei dieser Formulierung dennoch gewiss angesprochen gefühlt. Denn auch sein Englisch ist im letzten Jahr gierig von den Medien auf- und angegriffen worden – was ihm den Namen „Westerwave“ eingebracht hat.
Unter anderem hat die Internet-Ausgabe des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ Guido Westerwelle dafür kritisiert, dass er bei einer Pressekonferenz die auf Englisch gestellten Fragen eines BBC Reporters auf Deutsch beantwortet hatte.
Doch Guido Westerwelle stieß mit diesem Verhalten nicht nur auf Kritik, sondern erntete dafür auch großes Lob. So meinte beispielsweise der Vorsitzende des Vereins Deutsche Sprache, der Dortmunder Wissenschaftler Walter Krämer: „Wir sehen dies eher als souveränen Auftritt von Herrn Westerwelle“.
Und warum?
Westerwelle hätte mit seiner Reaktion deutlich gemacht, dass man in Deutschland auf Pressekonferenzen erwarten darf, Deutsch zu sprechen.
Die Kritik des Nachrichtenmagazins sei somit grundlos und ein gutes Beispiel dafür, dass man in Deutschland kritisiert wird, wenn man im eigenen Land zu seiner Muttersprache steht.
„Wenn Herr Westerwelle als Außenminister durch die Welt reist, wird er seine Muttersprache hoffentlich nie vergessen“, so Walter Krämer weiter.
In Deutschland ist der Verein Deutsche Sprache die mitgliedsstärkste Einrichtung zur Sprach- und Kulturförderung. Er wirbt unter anderen dafür, dass die deutsche Sprache als Thema der Politik ernst genommen wird.
Und ganz egal zu welchem Thema Sie als Nächstes sprechen: Nehmen auch Sie die deutsche Sprache ernst! Denn korrektes Deutsch ist in unserem Land eine gute Grundlage, um als Redner ernst genommen zu werden.
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