Anekdoten zum Thema Weisheit
Es war im dritten Jahrhundert vor Christus, als König Tsao seinen Sohn, Prinz Tai, zum Tempel schickte, um beim großen Meister Pan Ku in die Lehre zu gehen. Weil der Prinz seinem Vater auf dem Thron nachfolgen sollte, war es Pan Ku aufgegeben, den Jungen alles zu lehren, auf dass er später ein guter Herrscher werde.
Sobald der Prinz beim Tempel eingetroffen war, schickte ihn der Meister allein in den Ming-Li-Wald. Nach einem Jahr sollte der Prinz zurückkommen und den Klang des Waldes beschreiben.
Zurückgekehrt forderte Pan Ku den Prinzen Tai auf, alles zu beschreiben, was er gehört hatte. 'Meister, ich konnte hören, wie der Kuckuck ruft, die Blätter rauschen, die Kolibris surren, die Grillen zirpen, das Gras weht, die Bienen summen und der Wind flüstert und tobt.'
Als der Prinz geendet hatte, schickte ihn der Meister erneut in den Wald, um noch mehr zu erlauschen.
Als der Prinz wieder beim Tempel angekommen war, fragte der Meister, was er noch gehört habe. 'Meister', antwortete der Prinz ehrfürchtig, 'als ich ganz genau lauschte, konnte ich vorher nie Gehörtes hören - den Klang sich öffnender Blumenblüten, den Klang der Sonne, die die Erde wärmt, und den Klang des Grases, das den Morgentau trinkt.'
Der Meister nickte anerkennend. 'Das Unhörbare hören zu können', bemerkte Pan Ku, 'ist als Fähigkeit bei einem guten Herrscher unabdingbar
Im alten China stand auf dem Gipfel des Berges Ping ein Tempel, in dem Hwan, der Erleuchtete, wohnte. Von seinen vielen Schülern ist uns nur einer bekannt, Lao-Li. Über mehr als zwanzig Jahre studierte und meditierte Lao-Li beim großen Meister Hwan. Doch obgleich Lao-Li zu den klügsten und ergebensten Schülern zählte, hatte er noch nicht die Stufe der Erleuchtung erreicht. Von der Lebensweisheit verstand er nichts.
Tage, Nächte, Monate und sogar Jahre kämpfte Lao-Li mit seinem Schicksal, bis ihm eines Tages der Anblick einer fallenden Kirscheblüte zu Herzen ging. 'Ich kann nicht länger gegen meine Bestimmung ankämpfen', sah er ein. 'Genau wie die Kirschblüte muss ich mich mit Würde in mein Schicksal fügen.'
Und in diesem Moment beschloss Lao-Li, sich von dem Berg zurückzuziehen und seine Hoffnung auf Erleuchtung aufzugeben. 'Was hast du gelernt, Lao-Li?' fragte der Meister. Lao-Lis Antwort war Schweigen.
Endlich, nach langer Stille, hob der Meister wieder an. 'Der Weg zur Erleuchtung ist wie die Reise vom Berg herunter. Die Erleuchtung kommt nur zu jenen, die begreifen: All das, was einer vom Gipfel des Berges aus sieht, ist nicht dasselbe wie das, was er vom Fuß des Berges her sieht. Ohne diese Einsicht verschließen wir unsere Sinne vor allem, was wir von unserem Standpunkt aus nicht sehen können, und schränken so unsere Fähigkeit ein, uns zu entwickeln und zu verbessern.
Anekdote zum Thema Welt
Du siehst in etwa 100 Meter Entfernung einen Mann Holz spalten. Das auf den Hackbock geschmetterte Scheit sinkt bereits nach links und nach rechts auseinander - da erreicht dich erst der Schall. So mögen wir die Welt ein halbes Leben lang betrachten, bis wir das Wort vernehmen, das zu ihr gehört, die Seele, die von ihr redet.
Christian Morgenstern (1871-1914), dt. Lyriker in "Stufen", Kap. "Erkennen"
Anekdote zum Thema Werbung
An einem herrlich sonnigen Maisonntag saß ein Blinder im Stadtpark. Auf dem Schild, das er um den Hals trug, war zu lesen: "Helft dem Blinden!" Aber nur wenige Spaziergänger legten eine Münze in seine ausgestreckte Hand. Kaum zwanzig Schritte entfernt saß ein anderer Blinder. Fast jeder, der vorüberkam, ließ ein Geldstück in seine Mütze fallen, manche gaben sogar einen Schein; andere, die bereits vorbeigegangen waren, sah man zurückkehren, um ihm etwas zu spenden. Auf seinem Schild stand: "Es ist Frühling - und ich bin blind
Während einer Flugreise wurde der amerikanische Kaugummi-König Philipp Wrigley von einem begleitenden Journalisten gefragt: 'Sagen Sie, Herr Wrigley, warum stellen Sie eigentlich Ihre aufwendige Werbung nicht ein? Alle Welt kauft doch bereits Ihre Kaugummis, und Sie könnten mit einem einzigen Schlag ein Vermögen einsparen!' Darauf Wrigley: 'Wir haben schon seit geraumer Zeit unsere Flughöhe von 6 000 Metern erreicht. Schlagen Sie wirklich vor, dass ich jetzt ins Cockpit gehe und den Piloten anweise, die Motoren abzuschalten, um Treibstoff zu sparen?'
Es gibt eine alte Geschichte über eine Straße in Wien, in der sich vier Bäckereien befanden. Um sich von der Konkurrenz abzuheben, stellte die erste ein Schild neben den Eingang, auf dem sie das feinste Gebäck in ganz Wien offerierte. Die zweite Bäckerei antwortete mit einem Schild: die feinsten Backwaren in ganz Österreich. Die dritte konterte mit dem Angebot: die besten Backwaren der Welt. Das alles beeindruckte den vierten Bäcker keineswegs. Er postierte vor seinem Laden ein Schild, das bescheiden verkündete: 'Hier erhalten Sie die feinsten Backwaren in dieser Straße.'
Anekdoten zum Thema Wert
Zwei junge Frauen begegnen auf der Straße einem Frosch. "Küß mich", sagt der Frosch, "dann verwandle ich mich in einen Ölmagnaten." Eine der Frauen hebt ihm auf und steckt ihn in die Handtasche. "Willst du ihm nicht küssen?" fragt die andere. "Nein, ein Frosch, der sprechen kann, ist viel mehr wert!"
Es geschah, wenn ich mich recht entsinne, im Jahre 1985, da wollte ein Ehepaar sein Meissner Porzellangeschirr veräußern. Der Auktionator schätzte, es ließen sich wohl 20.000 Mark erzielen. Die Frau freute sich und spülte noch einmal sorgsam jedes Teil. Doch, sie es das Schicksal will, fiel ihr der Deckel der Zuckerdose zu Boden und zerbrach.
Was tun? Einfach zusammenkleben? Nein. Also packte die Frau die Scherben in ein kleines Kästchen und sandte das Päckchen mit der freundlichen Bitte um Ersatz an die Meissener Porzellanmanufaktur. Die Antwort kam überraschend schnell. "Leider ist es uns nicht möglich", war in dem Brief zu lesen, "Ihnen das fehlende Deckelchen zu ersetzen. Nicht, dass wir nicht wollten, aber es gibt auf der ganzen Welt nur noch zwei dieser Tafelgeschirre - und eines davon ist Ihres. Wir wären hocherfreut und sehr glücklich, wenn Sie sich bereitfinden könnten, das Service der ständigen Ausstellung unserer Manufaktur zu überlassen. Mit freundlichen Grüßen usf."
Ich vergaß zu erwähnen: Die Meissener bezifferten den Wert des Tafelgeschirrs auf 200.000 € und boten dem Ehepaar diesen Kaufpreis an.
Interpretationsmöglichkeit: Eine wahre Geschichte aus unseren Tagen. Enthält sie nicht eine tiefere Bedeutung? Wie oft geschieht es, dass wir erst dann, wenn etwas zerbrochen ist, seinen wahren Wert erkennen? Den Wert einer Ehe, einer Freundschaft, Nachbarschaft.
Anekdote zum Thema Wettbewerb
Sie kennen alle das Märchen von dem "Wettlauf zwischen Hasen und Igel". Der Hase, von Natur her ein qualifizierter Sprinter, lässt vom Start weg den Igel weit hinter sich; und trotzdem ist der Igel schon im Ziel, als der Hase ankommt.
Wie Sie wissen, arbeitet der Igel mit einem Trick. Er setzt seine Frau als Doppelgänger ein. So sehr der Hase auf heißen Socken hin- und herrast; es hilft nichts: immer sitzt der Igel schon im Ziel. Obwohl im Wettbewerb an sich ohne jede Chance, verlässt der Igel das Feld als Sieger.
Der Hase bleibt gebrochen zurück. Moral: Es kommt nicht darauf an, was man in den Knien, sondern was man auf dem Kasten hat. Selbst der Stärkste, Beste, Schnellste, Größte auf dem Markt muß ständig gewärtig sein, daß einer daherkommt, der schlauer ist als er.
Im negativen Sinne zum Beispiel ein Plagiator, der seine Ideen kopiert, oder einer, der seine Erfindung klaut, solange sie nicht geschützt ist. Im positiven Sinne einer, der ganz einfach fehlendes Kapital (oder anderes) durch größere geistige Flexibilität wettmacht.
Der Hase schließlich: ist er zu bemitleiden? Oder geschieht es ihm recht? Klar ist: er durchschaut das Spiel nicht. Er begreift nicht, was gespielt wird. Er gehört zu jener Sorte, die meint, dass "nicht sein kann, was nicht sein darf".
Und genau das macht ihn zum Verlierer!
Anekdote zum Thema Wort
Die Zeit, sie ist die größte Übermacht. Allen Worten und Taten folgt ein Morgen, der sie einer Überprüfung durch Distanzierung unterwirft. Die Zehn Gebote oder die Magna Charta wurden vom nächsten Tag nicht verworfen. Es gibt Worte, die nicht veralten und aus dem Geschwafel herausragen wie Granit aus dem Sand.
György Konrad (*1933), ungar. Schriftsteller u. Soziologe in seiner Dankrede für den Friedenspreis des Dt. Buchhandels, 13.10.91
Anekdote zum Thema Wunsch
"Werde ich das Ziel meiner Sehnsucht erreichen?" fragte ein Ehrgeiziger den pythischen Apoll und erhielt die Antwort: "Gewiß." - "Gewiß? O göttliche Verheißung!" rief der Ehrgeizige glückstrunken aus. "Meine Wünsche werden erfüllt -alle erfüllt?" - "Alle." - "Auch die kühnsten?" -"Auch die." - "Sei gepriesen, du Göttlicher, auch die! Und wann?" - "Sobald dir an ihrer Erfüllung nichts mehr liegt." "Werde ich das Ziel meiner Sehnsucht erreichen?" fragte ein Ehrgeiziger den pythischen Apoll und erhielt die Antwort: "Gewiß." - "Gewiß? O göttliche Verheißung!" rief der Ehrgeizige glückstrunken aus. "Meine Wünsche werden erfüllt -alle erfüllt?" - "Alle." - "Auch die kühnsten?" -"Auch die." - "Sei gepriesen, du Göttlicher, auch die! Und wann?" - "Sobald dir an ihrer Erfüllung nichts mehr liegt."
Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916), östr. Schriftstellerin
Schriftgröße 

Seite drucken Seite empfehlen
Mai
23
Heute vor
106 Jahren
Henrik Ibsen stirbt (*1828), norwegischer Dichter und Dramatiker, Werke u. a. [weiterlesen] »
Haben Sie Fragen, Anregungen, oder möchten uns Ihre Meinung mitteilen?
Senden Sie uns eine E-Mail. Wir antworten Ihnen so schnell wie möglich oder
rufen Sie an - ganz nach Wunsch!
Rhetorik-Newsletter
Rhetorik-Tipps und Zitate für Ihre Reden, Vorträge und Präsentationen kostenlos per E-Mail direkt auf Ihren Schreibtisch:




