Anekdoten zum Thema Redner
Chamberlain erzählt gerne folgende Geschichte: Er ist Ehrengast auf einem Bankett des Bürgermeisters. Als der Kaffee serviert wird, nimmt der Bürgermeister den Premierminister zur Seite und flüstert ihm ins Ohr: "Wollen Sie, daß die Leute sich weiter amüsieren, oder wollen Sie jetzt Ihre Rede halten?"
Übersetzung aus dem Amerikanischen von Hans-Heinrich Schuppert
Im Jahre 1779 besucht Madame de Staël den Dichterfürsten Goethe. Dieser berichtet später: "Es war eine interessante Stunde. Ich bin nicht zu Wort gekommen. Sie spricht gut, aber viel, sehr viel." Madame de Staël, gefragt, welchen Eindruck Goethe auf sie gemacht habe berichtet: "Ich bin zwar nicht zu Wort gekommen, wer aber so gut spricht wie er, dem hört man gern zu."
Unter den amerikanischen Nachkriegspräsidenten zeichnete sich Calvin Coolidge durch besondere Wortkargheit aus. Er wußte dies zu begründen. "Ich kam einmal", so erzählte er, "in ein Dorf, wo eine politische Versammlung stattfand. 'Wie lange spricht der Redner schon?' fragte ich einen Bauern. 'Seit zwei Stunden.' 'Und worüber spricht er?' 'Das hat er noch nicht gesagt!' meinte der Bauer.
"Geschichten von gestern, Geschichte von heute", Gottfried Heindl, Paul Neff Verlag, Wien
Eines guten Redners Amt oder Zeichen ist, daß er aufhöre, wenn man ihn am liebsten höret und meinet, er werde erst kommen; wenn man ihn aber mit Überdruß und Unwillen höret und wollte gern, daß er aufhörete und zum Ende und Beschluß käme, das ist ein böses Zeichen. Also auch mit einem Prediger; wenn man sagt: "Ich hätte ihm noch wohl länger mögen zuhören", so ist's gut; wenn man aber sagt: "Er war in das Waschen kommen und konnte nimmermehr aufhören", so ist's bös Zeichen.
Martin Luther (1483-1546), dt. Reformator in "Euch stoßen, daß es krachen soll", Art und Amt eines guten Redners
Marcel Proust verkehrte oft und gern im Pariser Salon der Madame Aubernon. Dort traf sich jede Woche ein Kreis literarisch Interessierter zur Diskussion. Das Thema wurde vorher angekündigt, damit sich jeder vorbereiten konnte, zumal es sich meist um ziemlich gewagte Sachen handelte. "Nun, meine Liebe", wurde einst Madame Straus zu Beginn einer Zusammenkunft gefragt, "was ist Ihre Meinung zum Ehebruch?" - "Zum Ehebruch? Oh, Verzeihung", erwiderte die Angesprochene irritiert. "Ich habe mich irrtümlich auf Inzest vorbereitet!"
"Geschichten von gestern - Geschichten von heute", Gottfried Heindl, Neff Verlag, Wien, 1965
Anekdote zum Thema Reichtum
Ein reicher Mann lag einst im Sterben. Sein ganzes Leben hatte sich nur um Geld gedreht, und als es nun mit ihm zu Ende ging, dachte er, dass es nicht schlecht wäre, auch im Jenseits immer ein paar Rubel zur Hand zu haben. Darum bat er seine Söhne, ihm einen Beutel voll Rubel in den Sarg zu legen.
Die Kinder erfüllten ihm diesen Wunsch. Im Jenseits angekommen, entdeckte er eine Anrichte mit Speisen und Getränken, wie im Erster-Klasse-Wartesaal eines großen Bahnhofes. Vergnügt betrachtete er seinen Beutel und trat an die Theke.
Alles, was dort angeboten war, kostete eine Kopeke: die appetitlichen Pastetchen ebenso wie die frischen Sardinen und der Rotwein. "Billig", dachte er, "alles sehr billig hier," und wollte sich einen guten Teller voll bestellen. Als der Mann an der Theke ihn fragte, ob er auch Geld habe, hielt er ein Fünf-Rubel-Stück hoch. Doch der Mann sagte trocken: "Bedaure! Wir nehmen nur Kopeken!"
Der Reiche, inzwischen - wie sich leicht nachvollziehen läßt - furchtbar hungrig und durstig, befahl daraufhin seinen Söhnen im Traum, den Beutel mit Rubeln im Grabe auszutauschen gegen einen Sach Kopeken. So geschah es. Und triumphierend trat er wieder an die Theke.
Doch als er dem Mann hinter der Theke eine Handvoll Kopeken übergeben wollte, sagte der lächelnd, aber bestimmt: "Wie ich sehe, haben Sie dort unten wenig gelernt. Wir nehmen hier nicht Kopeken, die Sie verdient, nur die Sie verschenkt haben."
Leo N. Tolstoi (1828-1910), russ. Schriftsteller in "Der reiche Mann"
Anekdoten zum Thema Richtfest
Einst war es Brauch, dass der Bauherr beim Richtfest den letzten Nagel einschlug. Das klingt einfacher als es ist bzw. war. Denn der letzte Dachsparren wurde versteckt, und bevor man sich auf die Suche machte, handelten die Zimmerleute mit dem Bauherrn diejenige Menge Bier aus, die er spendieren mußte, damit der gesuchte Balken herbeigeschafft wurde. War man sich handelseinig, fand sich der Dachsparren sehr rasch. Der Bauherr wurde dann rittlings auf den Sparren gesetzt und von den Burschen dreimal um den Neubau getrage
Die Richtkrone oder der Richtemai - ein geschmückter Blumenkranz oder ein festlich herausgeputztes Tannenbäumchen - wird seit alters her als Festzeichen und Glückssymbol auf dem Dachfirst bzw. vorne am Giebel angebracht. Der Schmuck des glückbringenden Bäumchens oder Kranzes wurde mitunter anschließend unter den Anwesenden verteilt.
Manchmal zogen die Mädchen mit dem Richtemai singend um den Neubau. Bis heute mancherorts verbreitet sind die Baupredigt und überall das Überbringen von Glückwünschen in kleinen Ansprachen. Schon früher wurde ein weiter Kreis von Freunden und Verwandten in das Richtfest einbezogen. Dazu gehörten auch die Nachbarschaft, die Priester und die Leiter der Gemeindebehörden.
Heute kommen dazu die Mitarbeiter, Kunden und Geschäftspartner. Nicht selten haben die Eingeladenen einst in gemeinschaftlicher Arbeit die Eindeckung des Daches vollzogen, ehe man sich zu Tisch begab. Auch heute bildet der Abschluß der Feier eine gemeinsame Malzeit. Beiträge dazu und andere Geschenke wurden und werden der Hausherrin und dem Hausherrn übergeben (in der Regel nur bei privaten Feiern). Das gemeinsame Essen und Trinken und die Geschenke sollen von alters her Wohlstand bringen.
Am Vorabend "kloppten" die Zimmerleute "den Stockfisch weich", ein Brauchtum, das man auch "Hillebille" oder "Hillebillekloppen" nannte. Die Zimmerleute schlugen mit Beilen und Äxten auf ein dickes Stück trockenes Buchenholz, das sie auf die oberste Balkenlage gelegt hatten.
Der Lärm sollte wohl einst die bösen Geister verscheuchen. Durch verschiedene Schlagarten entstanden vielseitige Rhythmen. Geschickte Zimmermannsgesellen konnten die Zuhörer damit bis tief ins Land hinein unterhalten, denn der Schlag klang weit über Berg und Tal. Von Zeit zu Zeit machten sie Pause; in der ersten Pause hielt für gewöhnlich der Zimmermannsgeselle oder Zimmermannsmeister eine Rede.
Im Aargau wurde die Richtfeier mit einem viertelstündigen Klopfen und Hämmern aller Anwesenden beendet - das muß einen gewaltigen Lärm gegeben haben (und hat bestimmt für Stimmung gesorgt).
Den Grundstein für ein Haus, einen Deich, eine Brücke zu legen war immer schon eine ganz besondere Handlung. In frühester Zeit wurden aber dabei "Bauopfer" gebracht, zum Beispiel Haustiere geopfert. Andernorts wurden Nahrungsmittel sowie Münzen, Würfel, Talismane und andere Zauberabwehrmittel in den Grundstein gelegt.
Auch heute noch nimmt bei der Grundsteinlegung der gründende und erste Stein eines Bauwerks (besonders eines öffentlichen Gebäudes) in einer Vertiefung oder in einem Kästchen aus Metall Münzen, Inschriften, Urkunden und dergleichen auf. Allerdings überwiegt in unserer Zeit meist der Gedanke, der Zukunft ein Andenken zu hinterlassen: So geht es vielfach um das Einmauern von Zeugnissen der Baugeschichte, einer Tageszeitung oder ähnlicher Zeitdokumente.
Beim Richtspruch erhält der Grundstein vom Bauherrn in der Regel drei Hammerschläge. Danach feiern Bauherr(in) und Bauleute die Grundsteinlegung mit dem "Grundbier" oder dem "Steinwein". Den Handwerkern zum "Grund- oder Eckstein" ein Faß Bier oder Wein zu spendieren ist schon seit dem späten Mittelalter bekannt.
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Mai
23
Heute vor
106 Jahren
Henrik Ibsen stirbt (*1828), norwegischer Dichter und Dramatiker, Werke u. a. [weiterlesen] »
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