Anekdoten zum Thema Reden
Madame de Staël war der strahlende Mittelpunkt jeder Unterhaltung. Der Schriftsteller Benjamin Constant machte ihr eines Tages deswegen ein Kompliment und fragte sie nach ihrem Geheimnis. "Eine Frau von Geist", erwiderte sie, "wird nur dann dafür gehalten, wenn sie alles, was sie sagt, ein Körnchen Zucker wirft, und in alles, das sie hört, ein Körnchen Salz streut."
In Paris stellt Dr. Adenauer einmal fest, daß zu seiner Überraschung auf der weißgedeckten Tafel neben jedem Gedeck ein mit der Maschine geschriebenes Manuskript liegt, die Vervielfältigung seiner Rede in Französisch, die er während der folgenden Sitzung in Deutsch halten wollte. Nachdem er sich von der Überraschung erholt hat, erklärt er: "Nun, meine Damen und Herren, da Sie meine Rede bereits schwarz auf weiß vor sich sehen, kann ich jetzt wohl etwas ganz anderes sagen."
"Anekdoten um Konrad Adenauer", Kemper Verlag, Heidelberg
Si-ma Niu fragte, was sittliches Verhalten sei. Konfuzius sprach: "Wer sich durch sittliches Verhalten auszeichnet, wählt seine Worte mit Bedacht." Si-ma Niu sagte: "Mit Bedacht reden - das soll sittliches Verhalten sein?" Der Meister antwortete mit einer Gegenfrage: "Das Handeln ist so schwierig: darf da das Reden unbedacht sein?"
Konfuzius (551-479 v.Chr.), chin. Philosoph, bestimmend für die Gesellschafts- u. Sozialordnung Chinas in "Gespräche", XII,3
Erstes und nächstes Objekt für die Arbeit an der Kultur des Redens und Schreibens muß die Germanistik selbst sein. Als zum Beispiel der Bücherverbrennungen von 1933 zu gedenken war, wurde die Parallele zitiert, die Heine zwischen dem Verhalten gegenüber Büchern und dem gegenüber Menschen gezogen hat. Wo man schlampig wie in der Germanistik über die eigenen Angelegenheiten redet und schreibt, soll man sich nicht wundern, wenn außerhalb ihrer das Reden über Menschen und das Handeln an ihnen ebenso erbärmlich ist.
Klaus Weimar, schweizer. Germanist, Literaturwissenschaftler u. Hochschullehrer, Zürich
Der Kapitän eines Handelsschiffes, das verbotene Waren an Bord hatte, wollte seine Fracht gern an Land bringen. Er wandte sich an einen ihm bekannten Zollbeamten und fragte: "Wenn ich Ihnen auf jedes Ihrer Augen ein Goldstück legte, könnten Sie dann noch sehen?" - "Nein", lautete die Antwort, "und wenn sie noch eins auf meine Zunge legen, kann ich auch nicht mehr sprechen."
"Anekdoten, Anekdoten", C.A. Koch's Verlag Nachf., Berlin, Darmstadt, Wien
Gescheite Leute sind mit einer eleganten und geschmackvollen Belesenheit ausgerüstet, haben ein zeitgemäßes Wissen von allem, was an der Tagesordnung ist, jedoch mehr auf eine gelehrte als auf eine gemeine Weise: sie halten sich einen geistreichen Vorrat witziger Reden und edler Taten, von welchem sie zu rechter Zeit Gebrauch zu machen verstehen.
Baltasar Gracián y Morales (1601-58), span. Philosoph u. Redner in "Handorakel und Kunst der Weltklugheit", Reclam, Stuttgart, 1954, Sentenz 22
Eine ganz nette Sache habe ich neulich erlebt: Am Taxistand in Berlin komme ich mit einem Herrn aus Österreich ins Gespräch: "Ihre Sprache klingt aber sehr charmant", sage ich. "Ja", erwidert er, "das sagen die Leute auch, wenn ich in Ihrem Land Vorträge halte." Früher wollte er einmal Politiker werden und hat in Graz das Reden gelernt: "Rhetorik und Demagogie!" grinst er. Dann wird er plötzlich ernst und sagt: "Eigentlich halte ich gar keine Vorträge, ich erzähle ..."
Einst kam ein Mann zu Sokrates und fragte: "Hast du gehört, was unser Freund Andreas über dich gesagt hat?" - "Halt, ehe du weitersprichst!" entgegnete der Philosoph. "Sag das, was du mir sagen willst, nachdem du es durch die drei Siebe gefiltert hast: das Sieb der Wahrheit; das Sieb der Güte; das Sieb der Notwendigkeit."
Anekdote zum Thema Redenschreiber
Als in den fünfziger Jahren in den USA das Redenschreiben für Politiker aufkam, sagte man dem amerikanischen Schriftsteller Robert Frost, die Welt sei so groß geworden, dass kein Politiker mehr seine Reden selbst schreiben könne. Darauf Frost finster: "Dann ist es wohl Zeit, daß wir die Welt in kleinere Welten aufteilen."
Anekdote zum Thema Redeschluss
Ich habe nichts gegen Menschen, die auf ihre Uhr gucken, während ich rede. Aber ich protestiere strengstens dagegen, wenn sie anfangen, die Uhr zu schütteln, um festzustellen, ob sie noch geht. (I do not object to people looking at their watches when I am speaking. But I strongly object when they start shaking them to make sure they are still going.)
William Norman Birkett (1883-1962), engl. Anwalt u. Politiker
Anekdote zum Thema Redethema
Ist dir schon aufgefallen, daß die meisten Menschen über Themen reden, in welchen sie nicht vorkommen? Die einen sprechen über Kapitalismus und Sozialismus, die anderen unterhalten sich über schnelle Autos und schöne Urlaubsorte. Die vermeintlich Gebildeteren philosophieren über Gott und Buddha oder über den Sinn der Welt. Über alles mögliche reden die Leute, nur nicht über sich und das, was sie jeden Tag wirklich bewegt.
Heinz Körner, dt. Schriftsteller in "Johannes"
» zum Seitenanfang
Schriftgröße 

Seite drucken Seite empfehlen
Mai
23
Heute vor
164 Jahren
Der deutsche Flugpionier Otto Lilienthal wird in Anklam, südöstlich von Greifswald, geboren (gestorben am 10. 8. [weiterlesen] »
Haben Sie Fragen, Anregungen, oder möchten uns Ihre Meinung mitteilen?
Senden Sie uns eine E-Mail. Wir antworten Ihnen so schnell wie möglich oder
rufen Sie an - ganz nach Wunsch!
Rhetorik-Newsletter
Rhetorik-Tipps und Zitate für Ihre Reden, Vorträge und Präsentationen kostenlos per E-Mail direkt auf Ihren Schreibtisch:




