Anekdote zum Thema Ganzheit
Die Schaulustigen und der Elefantenpfleger hatte einen Elefanten zur Ausstellung bei Nacht in einen dunklen Raum gebracht. Die Menschen strömten in Scharen herbei. Da es dunkel war, konnten die Besucher den Elefanten nicht sehen, und so versuchten sie, seine Gestalt durch Betasten zu erfassen. Da der Elefant groß war, konnte jeder Besucher nur einen Teil des Tieres greifen und es nach seinem Tastbefund beschreiben.
Einer der Besucher, der ein Bein des Elefanten erwischt hatte, erklärte, daß der Elefant wie eine starke Säule sei; ein zweiter, der die Stoßzähne berührte, beschrieb den Elefanten als spitzen Gegenstand; ein dritter, der das Ohr des Tieres ergriff, meinte er sei einem Fächer nicht unähnlich; der vierte, der über den Rücken des Elefanten strich, behauptete, daß der Elefant so gerade und flach sei wie eine Liege. Wer von den Besuchern hat nun Recht?
Eigentlich jeder, aber nur im Detail. Im Ganzen hat jeder Unrecht. Der Elefant ist keine Säule, auch kein spitzer Gegenstand, schon gar nicht gleicht es einem Fächer oder einer flachen Liege. Wir begreifen das Wesen eines Elefanten nicht, wenn wir uns Einzelheiten herausgreifen. So geht es auch mit einem Menschen oder einem Problem: ganzheitliche Sicht ist angebracht!
Mowlana nähere Autorenangaben nicht feststellbar lt. "Wege des Lernens, Die spirituelle Psychologie der Sufis", Idries Shah, Knaur Nachf., München, 1985
Anekdote zum Thema Gast
Ich sehe hier einige neue Gesichter. Ich hoffe, im Laufe des Abends noch Gelegenheit zu haben, mit möglichst vielen von Ihnen zu sprechen. Ich erinnere mich übrigens an einen ähnlichen Abend wie diesen. Wir saßen vergnügt bei Tisch, und es wurde ein vorzüglicher Wein serviert. Der Gastgeber interessierte sich sehr intensiv für eine der anwesenden Personen, die in violetter Abendgarderobe erschienen war.
Als die Musik erklang, bat er seine Tischnachbarin zum Tänzchen. Die unbekannte Schöne aber antwortete: 'Junger Mann, dazu muß ich Ihnen dreierlei sagen: Erstens ist es noch zum Tanzen zu früh. Zweitens tanze ich nie - und wenn, dann nur Walzer. Und drittens: Ich bin der Erzbischof von Wien.'
Anekdoten zum Thema Gastredner
(Sie sind der letzte Redner:) Ich kann nicht anders, ich muß an den Priester denken, der das Einleitungsgebet auf dem Kirchentag sprach: "Oh Herr", sagte er, "gib dem ersten Redner die Kraft, alle zu inspirieren. Herr, hilf dem zweiten Redner, allen hier Versammelten seine Botschaft zu vermitteln. Und Herr, wir bitten dich, hab Erbarmen mit dem letzten Redner."
Sylvia Simmons, amerik. Redenschreiberin u. Publizistin in "How to be the Life of the Podium", American Management Association", New York, 1991/93
Einst wurde ein Redner mit den Worten angekündigt, er sei einer der Top-Unternehmer der Republik. Mit der Produktion von hochwertigen Computern habe er in Bayern Millionen verdient. Als der so Angekündigte das Wort ergriff, war er offensichtlich ein wenig verlegen. "Die Fakten sind im Kern zutreffend", sagte er. "Aber ich möchte doch darauf hinweisen, daß es sich nicht um Computer handelt, sondern um landwirtschaftliche Maschinen. Der Produktions-Standort ist auch nicht in Bayern, sondern in Ostfriesland. Und um auch die finanzielle Seite zu erläutern", führte der Redner weiter aus, "es ging nicht um Millionen, sondern um einige Hunderttausend. Zudem habe nicht ich dies alles bewerkstelligt, sondern mein Bruder. Und der hat diese Summe nicht verdient, er hat sie verloren! Doch abgesehen davon", schloß er, "bin ich dankbar für diese freundlichen Worte und für die Gelegenheit, heute vor Ihnen zu sprechen."
Sie werden sich wundern, warum ich hier stehe und nicht mein Vorstandskollege ... (Name): Er ist Mitglied Ihrer Vereinigung, also Feldspieler. Ich bin bloß Fan. Daß ich heute hier zu ihnen sprechen darf, liegt einzig daran, daß mein Kollege verhindert ist. Aber, meine Damen und Herren, jetzt ist es zu spät für Sie, das Weite zu suchen. Der Veranstalter hat auf meinen besonderen Wunsch die Türen schließen lassen...
Anekdoten zum Thema Geburtstag
Am Tag vor dem fünften Januar, dem Geburtstag Adenauers, betrat sein Privatsekretär das Zimmer. Er traf den Politiker an, wie er mit finsterem Blick im Zimmer auf und ab wanderte, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Auf dem Schreibtisch stand eine Flasche Rotwein mit einem Glas, und jedesmal, wenn Adenauer daran vorbeikam, nahm er einen Schluck.
Als er seinen Sekretär sah, ging er auf ihn zu und sagte: "Sie wundern sich, was ich hier treibe? Wundern Sie sich nicht! Wenn ganz Deutschland meinen Geburtstag vergisst und nicht auf meine Gesundheit trinkt, so trinke ich sie mir eben selber zu." Und er nahm wieder einen Schluck aus seinem Glas.
Da erstarrte der Sekretär. "Du lieber Himmel", sagte er, "die ganze Welt denkt ja daran. Wer sollte auch nicht an den fünften Januar denken. Aber, Herr Bundeskanzler, heute ist erst der vierte." Adenauer blieb wie angewurzelt stehen, griff nach dem Kalender, überzeugte sich, schüttelte den Kopf und murmelte: "Da habe ich danebengefeiert!"
Mein Gott, was ist in diesem denkwürdigen Jahr 1906 alles geschehen: Ein Erdbeben zerstört San Francisco. Roald Amundsen bewältigt die Nordwestpassage. In Berlin steigt zum ersten Mal ein Luftschiff auf. In Kiel läuft das erste U-Boot vom Stapel. Theodore Roosevelt bekommt den Friedensnobelpreis. Die Welt hört erstmals menschliche Stimmen durch das drahtlose Telefon.
Henrik Ibsen und Paul Cézanne verabschieden sich von dieser Welt. Geboren werden Samuel Beckett, Dimitrif Schostakowitsch, Luchino Visconti, Herbert Wehner, Josephine Baker, Aristoteles Onassis, Klaus Mann und last but not least André Kostolany. - Und nun bin ich fünfundachtzig Jahre alt geworden.
André Kostolany (*1906), amerik. Börsenkolumnist ungar. Herkunft im Jahr 1991
Wenn einer wie ich seinen sechzigsten Geburtstag feiert, erwarten Sie zu Recht, dass er etwas von seiner Lebenserfahrung mitteilt. Das will ich auch gern tun. Aber erst will ich als anständiger Wissenschaftler definieren, was Lebenserfahrung ist. Ich werde das am besten an einem Beispiel klarmachen: Sie wissen alle, was passiert, wenn ein Mensch in eine mit Wasser gefüllte Badewanne steigt. - Dann klingelt das Telefon! Sehen Sie, als Physiker haben wir gelernt, daß nach dem grundlegenden Satz der Hydrostatik, dem Archimedischen Prinzip, im geschilderten Fall das Wasser steigt. Das Leben aber belehrt uns eines anderen. Die Lebenserfahrung lehrt uns den Unterschied zwischen Prinzip und Praxis, und das ist das erste, was ich allen weiteren Erörterungen voranstellen wollte.
Friedhelm Franken (*1943), dt. Journalist u. Publizist
Bankier Fürstenberg hat sich zum siebzigsten Geburtstag ein Album mit den Fotografien sämtlicher Verwandter gewünscht. Gerührt von diesem Zeichen unerhofften Familiensinns gibt sich der Klan größte Mühe. Der Beschenkte überreicht den Folianten seiner Sekretärin: "Prägen Sie sich diese Gesichter ein! Sollte eines auftauchen, bin ich verreist."
Zu seinem 50. Geburtstag im Jahre 1914 brachte die Deutschmeisterkapelle in Wien dem Komponisten Richard Strauss ein Ständchen. Gespielt wurde "Der Rosenkavalier". Hinterher bedankte sich Strauss gerührt beim Kapellmeister: "Das haben Sie wirklich ausgezeichnet gemacht!" Darauf der Maestro: "Ja, Herr Generalmusikdirektor, g'schrieben is so was bald, aber spiel'n, dös is a Sauarbeit!"
"Geschichten von gestern - Geschichten von heute", Gottfried Heindl, Neff Verlag, Wien, 1965
Anekdote zum Thema Geduld
Es war einmal ein junger Bauer, der wollte seine Liebste treffen. Er war ein ungeduldiger Geselle und viel zu früh gekommen. Und verstand sich schlecht aufs' Warten. Er sah nicht den Sonnenschein, nicht den Frühling und die Pracht der Blumen. Ungeduldig warf er sich unter einen Baum und haderte mit sich und der Welt.
Da stand plötzlich ein graues Männlein vor ihm und sagte: Ich weiß, wo dich der Schuh drückt. Nimm diesen Knopf und nähe ihn an dein Wams. Und wenn du auf etwas wartest und dir die Zeit zu langsam geht, dann brauchst du nur den Knopf nach rechts zu drehen, und du springst über die Zeit hinweg bis dahin, wo du willst.
Er nahm den Zauberknopf und drehte: und schon stand die Liebste vor ihm und lachte ihn an. Er drehte abermals: Und saß mit ihr beim Hochzeitsschmaus. Da sah er seiner jungen Frau in die Augen: Wenn wir doch schon allein wären...Wenn unser neues Haus fertig wäre...Und er drehte immer wieder. Jetzt fehlen uns noch die Kinder und drehte schnell an dem Knopf. Dann kam ihm neues in den Sinn und konnte es nicht erwarten.
Und drehte, drehte, dass das Leben an ihm vorbeisprang, und ehe er sich's versah, war er ein alter Mann und lag auf dem Sterbebett. Und merkte, daß er schlecht gewirtschaftet hatte. Nun, da sein Leben verrauscht war, erkannte er, daß auch das Warten des Lebens wert ist. Und er wünschte sich die Zeit zurück.
Heinrich Spoerl (1887-1955), dt. Schriftsteller (Ende stark gekürzt; Volltext im RB/Neujahrsrede)
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Mai
23
Heute vor
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