Warum die ersten Minuten Ihrer Rede so entscheidend sind
- Kategorie/n: Rede-Vorbereitung und Rede-Aufbau
Anfang und Ende Ihrer Reden entscheiden darüber, ob Ihre Rede beim Publikum ankommt oder nicht. Durch einen gelungenen Einstieg gewinnen Sie Ihre Zuhörer in den ersten 100 Sekunden, spätestens aber nach 3 Minuten. Wenn Sie bis dahin Ihre Zuhörer nicht „gepackt“ haben, werden Sie nur noch schwer in die Herzen der Menschen einsteigen.
Wenn Sie sich Ihre Zuhörer durch einen pfiffigen Einstieg gewogen machen, wird man Ihnen viel lieber zuhören und das Gesagte leichter aufnehmen. Sie selbst können die Atmosphäre des Wohlwollens sofort spüren und sich von ihr tragen lassen. Das gibt Ihnen Sicherheit von Anfang an.
Warum die ersten Minuten Ihrer Rede so entscheidend sind
Der Zuhörer will auf keinen Fall von einem „Fremden“ überfallen werden. Die Einleitung eines Vortrages dient in erster Linie der Einstimmung des Auditoriums. Viele Höflichkeitsgesten im täglichen Umgang gehen auf ein solches „Abtasten“ zurück. Wer bei der Begrüßung den Hut zieht, kann normalerweise nicht zugleich das Schwert ziehen. Vergleichbar einem Blickfang gibt es auch einen „Hörfang“, den Sie für Ihre Rede nutzen sollten.
Beispiel 1: So können Sie mit einer Anekdote für die richtige „Stimmung“ sorgen
Meine Damen und Herren, wir haben heute schon eine ganze Menge guter Ratschläge gehört, aber ich habe einige Vorredner im Verdacht, eine ähnlich königliche Haltung hier an den Tag zu legen wie einst der französische König Franz I. (1494-1547). Als dieser nämlich wegen seines besonders ausschweifenden Lebenswandels von einem Kardinal ermahnt wurde, dass ein König doch der Wegweiser für alle Untertanen seines Reiches sei, antwortete König Franz I.: „Haben Sie schon einmal einen Wegweiser gesehen, der den Weg auch geht, den er weist?“
| Auch das ist möglich: Beginnen Sie mit einer Provokation Ein starker Rede-Einstieg ist auch eine provokative Frage. Einstiege wie „Worum geht es heute? Radioaktivität oder Gesundheit lautet unser Thema“ sind zu zahm und reißen niemanden vom Hocker. Besser: „Wie viel Radioaktivität verträgt ein 12-jähriges Kind?“ Die Ankündigung „Heute möchte ich mit Ihnen über die Verschwendung von Steuergeldern reden“ klingt interessant, aber nicht spannend. Jede/r im Publikum spitzt sofort die Ohren bei dieser Einstiegsfrage: „Werfen wir absichtlich in jeder Stunde 1.000 Euro zum Fenster hinaus?“ |
Beispiel 2: Eine andere Variante mit Humor
Ich möchte dort beginnen, wo Herr Dr. … voriges Jahr aufgehört hat. Er sagte damals: „Wenn man auf dem Weg in die oberen Etagen zu Neujahr ins Parterre zieht, dann ändert das nichts daran, dass man Weihnachten doch noch im Souterrain gewohnt hat.“
Beispiel 3
Vor zwei Jahren erhielten wir noch 4 % Dividende, voriges Jahr waren es nur 2 %, und in diesem Jahr gibt es gar keine Ausschüttung mehr. So werden wir nächstes Jahr wohl noch etwas drauflegen müssen!
Doch Achtung: Vermeiden Sie leere Worthülsen
Worthülsen und allzu gequälte Wortspielereien dagegen sollten Sie auf jeden Fall vermeiden:
- In einem Grenzland kennt man die Bedeutung der Grenze hautnah ...
- Als wir uns im November vorigen Jahres an gleicher Stelle getroffen haben, sagte ich Ihnen, dass das Rentenproblem beileibe kein ‚Problemchen‘ ist. Heute wissen wir, was es in Wirklichkeit ist ...
- Ich habe es schon vor einem Jahr gesagt, ich habe es erneut vor sechs Monaten gesagt, und ich werde es heute wieder sagen: …
- Auch der jüngste Bericht der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit beweist, dass in absehbarer Zeit die Zahl der Arbeitslosen – derzeit 4,9 Millionen – nicht deutlich unter die Viermillionenmarke sinken wird. Ich frage die Verantwortlichen: „Wie lange wollen Sie dieser Entwicklung noch tatenlos zusehen?“
Ihre Einleitung stellt eine Denk- und Fühlgemeinschaft her Formulieren Sie als noch nicht so erfahrener Redner Ihre Einleitung erst dann, wenn Sie im Zuge der Vorbereitung Ihrer Rede genau wissen, wohin Sie Ihre Zuhörer leiten wollen. Arbeiten Sie erst dann Ihre Einleitung wörtlich aus, um sie sicher und frei vortragen zu können. Denn Ihre Einleitung soll eine Denk- und Fühlgemeinschaft mit dem Publikum begründen.
| Doch Achtung: Sie als Führungskraft in einem Unternehmen, als selbstständiger Berater im Dienstleistungssektor oder vielleicht auch als Landrat oder Bürgermeister mit zahlreichen Verwaltungs- und Repräsentationsverpflichtungen oder in einer anderen leitenden Funktion haben keine Zeit zu verschenken. Gerade deshalb werden Sie häufig dazu neigen, alsbald zum eigentlichen Kern Ihrer Aussagen kommen zu wollen. Dies ist bei einer Rede – fast immer – falsch! |
„Einstimmung“ haben beide Seiten nötig
In fast allen Situationen sind Sie gut beraten, Ihrem Auditorium die Möglichkeit zu geben, sich auf Sie „einzustimmen“, Ihre Stimme, Ihren Tonfall, eventuell auch Ihren sprachlichen Dialekt kennen zu lernen, bevor Sie mit dem eigentlichen Thema beginnen.
Auch Ihre äußere Erscheinung einschließlich Ihrer Körpersprache sollte Ihrem Publikum etwas vertraut sein, bevor Sie wirklich starten. Auch Sie selbst fühlen sich in der Regel dort fremd, wo Sie auftreten. Sie sind vielleicht überhaupt zum ersten Mal an diesem Ort, in dieser Veranstaltungsstätte.
Im schlimmsten Fall wissen Sie noch nicht einmal etwas über die Zusammensetzung Ihres Auditoriums, auch nicht, ob es in dem Vortragsraum eine dem neuesten technischen Stand entsprechende Lautsprecheranlage gibt oder wie es mit der Akustik im Saal bestellt ist. Hinzu kommen Ihr Lampenfieber, die Angst, für die sich anschließende Diskussion nicht genügend gewappnet zu sein, oder Ähnliches.
Haben Sie schon einmal ein Blas- oder Streichorchester oder auch eine Big Band mit „Glenn Miller“-Sound erlebt, die sich vorher nicht kurz eingestimmt hat? Jeder Musiker stimmt sein Instrument ein, bevor der Dirigent das Podium betritt. Insofern sind Redner wie Musiker. Auch ein Redner muss sich, vergleichbar dem „warming up“ in einem Formel-1-Rennen, auf Temperatur bringen, sich aufwärmen, durch ein paar Gesten mit seinen Händen Sicherheit gewinnen und z. B. das Standmikrofon oder das Rednerpult in die optimale Position bringen.
Keine Angst: Ihre Zuhörer beißen nicht
Es gibt immer wieder Redner, die fast scheu und sehr vorsichtig den Vortragsraum betreten. Dazu gibt es keinen Grund. Machen Sie sich von dem Gedanken frei, dass Ihr Publikum womöglich nach Art einer (böswilligen) Prüfungskommission nur darauf lauert, wann und wobei Sie als Examenskandidat (sprich: Redner) Ihre ersten groben Schnitzer machen.
Gehen Sie davon aus, dass die große Mehrheit Ihrer Zuhörer vom Thema weit weniger versteht als Sie selbst, vorausgesetzt, Sie sind gut vorbereitet. Kaum einer wird Ihnen fachlich das Wasser reichen können.
Deswegen sollten Sie sich von Anfang an ganz darauf konzentrieren, die emotionale Seite Ihrer Präsentation in den Griff zu bekommen; denn das rational Inhaltliche Ihrer Ausführungen haben Sie im Kopf (und zur Not auf dem Manuskript). Je größer Ihr Zuhörerkreis ist, desto mehr können Sie davon ausgehen, dass schon ein guter Witz oder ein treffenderVergleich die Menschen im Saal neugierig und für alle möglichen rednerischen Offerten empfänglich macht.
Auch, dass die Leute begeisterungsfähig und bereit sind, Ihnen als Redner eine Menge „abzunehmen“ und Ihnen gedanklich sehr weit zu folgen, wenn es Ihnen nur gelingt, Ihr Publikum zu fesseln.
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